30. August 2019 - Aktualisiert 04. September 2019

Bandscheibenvorfall beim Hund 

Tierärztlich bestätigter Inhalt
Verfasst von Franziska Gütgemann, Tierärztin
Bandscheibenvorfall beim Hund

Bei einem Bandscheibenvorfall, oder auch Diskopathie oder Bandscheibenprolaps genannt, kommt es zum Austritt der Bandscheibe aus den Zwischenwirbelräumen in den Wirbelkanal hinein. Dabei kann es zu nervalen Störungen kommen. Um dies verstehen zu können, sollten wir uns die Anatomie etwas genauer ansehen:

Das Rückenmark verläuft als länglicher Strang vom ersten Halswirbel bis hin zum Lendenwirbelbereich. Es übernimmt wichtige nervale Funktionen, indem es Reize vom Gehirn zu den Organen, als auch andersherum von den Organen zum Gehirn leitet. Es ist notwendig für alle willkürlichen Bewegungen, die Atmung sowie die Sensibilität und Motorik der Beine als auch des Rumpfes. Geschützt wird es durch die segmental aufgebaute Wirbelsäule, welche das Rückenmark von allen Seiten umschließt und damit den Wirbelkanal bildet. Damit es bei Bewegung nicht zu Problemen kommt, liegen unterhalb des Wirbelkanals Bandscheiben wie Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Diese bestehen aus unterschiedlichen Schichten.

In der Mitte liegt ein weicher gallertiger Kern, der sogenannte Nukleus pulposus. Umgeben wird dieser vom Anulus fibrosus, einem festen Faserring aus knorpelähnlicher Substanz. Erhöht wird die Stabilität der Wirbelsäule durch verschiedene Bänder, welche an mehreren Knochenpunkten der Wirbel ansetzen.

Ist die Stabilität der Wirbelsäule nicht mehr gewährleistet, kann es durch Verletzung des Rückenmarks, beispielsweise durch einen Bandscheibenvorfall, zu schweren nervalen Störungen kommen.

Ein Bandscheibenvorfall kann durch verschiedene Ursachen ausgelöst werden.

Knochenbrüche durch schwere Unfälle oder starke Verrenkungen, aber auch Infektionen oder tumuröse Veränderungen können Grund einer Lageveränderung der Bandscheibe sein.

Am häufigsten ist jedoch der Verschleiß als degenerative Veränderung die Hauptursache.

Dieser entsteht durch permanente Fehlbelastungen, Überbelastungen und unzureichende Bewegung, welcher zwei unterschiedliche Arten des Bandscheibenvorfalles hervorrufen kann:

1. Riss des Anulus fibrosus

Durch das Einreißen des äußeren Faserringes kommt es zum Austreten des gallertigen Kernes.

Dieser verdrängt das Rückenmark und führt damit zu Quetschungen und Einengung des Nervengewebes. Eindringendes Blut kann diesen Prozess verschlimmern. Ein Riss geschieht meist akut und führt in den meisten Fällen zu einer plötzlichen starken Schmerzsymptomatik mit anschließenden Lähmungserscheinungen.

2. Einweichen des Anulus fibrosus (Hansen Typ 2)

Diese Art des Bandscheibenvorfalls beschreibt das zunehmende Erweichen des Faserringes und das damit einhergehende vorquellen des gallertigen Kernes. Da es sich hierbei meist um ein degeneratives Geschehen handelt, tritt die Symptomatik im Vergleich zum Typ 1 eher schleichend auf. Da dies oftmals von den Hundebesitzern zu spät erkannt wird, sind Dauerschäden des Nervengewebes hier häufiger zu beobachten.

Bandscheibenvorfall beim Hund: Symptome

Da das Rückenmark segmental aufgebaut ist, ist je nach betroffenem Segment ein unterschiedlicher Bereich des Körpers betroffen.

Die Symptomatik eines Bandscheibenvorfalles ist stark abhängig von dem Ausmaß, der Art und der Lokalisation der Verletzung. Die Erkrankung kann in 5 verschiedene Grade eingeteilt werden.

Grad eins und zwei zeigen eine starke Schmerzempfindung sowie Koordinationsstörungen. Höhere Grade beschreiben anfangs unvollständige und später vollständige Lähmungserscheinungen, bei denen die Schmerzempfindung bereits ausgeschaltet ist.

hund auf orthopädisches hundebett

Diagnostik

Besteht der Verdacht eines Bandscheibenvorfalls, sollte ein Tierarzt einen allgemeinen Untersuchungsgang und anschließend einen neurologischen Untersuchungsgang durchführen.

Der allgemeine Untersuchungsgang kann weitere Ursachen ausschließen, welche ebenfalls zu Lähmungserscheinungen führen können. Dazu zählen beispielsweise Vergiftungen.

Der anschließende neurologische Untersuchungsgang konzentriert sich auf die Adspektion (Ansehen), die Palpation (Anfassen) und bildgebende Verfahren wie das Kontraströntgen, das MRT (Magnetresonanztomograph) und das CT (Computertomograph). Sie geben Hinweise auf  die Lokalisation des Bandscheibenvorfalles, die mögliche Ursache als auch den Schweregrad. Dies ist wichtig, um eine eventuelle nachfolgende Operation genauer planen zu können.

Alle Verfahren müssen in einer Vollnarkose durchgeführt werden und stellen wie jede Narkose ein Risiko dar. Demnach sollten sie nur bei strenger Indikation durchgeführt werden.

Therapie

Je nach Grad des Bandscheibenvorfalls kann konservativ oder operativ behandelt werden.

  • Konservativ:

Niedrige Gradeinstufungen werden meist konservativ behandelt.

Eine Schonzeit von mindestens einer Woche und Physiotherapie zum Aufbau der Muskulatur sind Kernpunkt einer konservativen Therapie. Zusätzlich können Medikamente wie nicht-steroidale Entzündungshemmer die Heilung unterstützen.

Der systemische Einsatz von Glukokortikoiden, zum Beispiel Cortison, ist heutzutage jedoch nicht mehr empfehlenswert, da Nebenwirkungen stark überwiegen können.  Eine lokale Abreichung kann in einzelnen Fällen dagegen zu einer Besserung führen.

  • Operativ:

In Fällen von bereits schwindender Schmerzempfindung und Lähmungserscheinungen sowie versagter konservativer Therapie sollte operativ behandelt werden, da das Rückenmark durch permanente Schädigung irreversibel geschädigt wird.

Nach Einleitung einer Vollnarkose eröffnet der Chirurg den Wirbelkanal und beseitigt alle vorgefallenen Bandscheibenanteile. Dabei besteht jedoch immer das Risiko einer zusätzlichen Schädigung des Nervenmaterials. Um die Heilungschancen zu erhöhen, sollte nach jeder Operation eine regelmäßige Physiotherapie durchgeführt werden, um die umliegende Muskulatur zu stärken.

Prognose

Ob ein Bandscheibenvorfall vollständig geheilt werden kann, ist von dem Schweregrad, der Lokalisation sowie der Behandlung abhängig. Wichtig ist, dass schnellstmöglich alle Therapiemaßnahmen mit dem Tierarzt besprochen werden, um langfristige Schäden zu verhindern.

Vorbeugen eines Bandscheibenvorfalles 

Um das Risiko eines Bandscheibenvorfalls zu senken, sollte auf regelmäßige Bewegung geachtet werden. Diese sollte jedoch den Rücken nicht überbelasten, sondern den Aufbau einer starken und stabilisierenden Rückenmuskulatur fördern.

Ebenfalls können gut gepolsterte Hundebetten, zum Beispiel orthopädische Matten, den Rücken entlasten und einen Verschleiß verhindern.

Besonders wichtig ist, frühe Anzeichen einer Erkrankung zu erkennen und den Hund schnellstmöglich untersuchen zu lassen. Denn umso früher eine geeignete Therapie eingeleitet wird, umso niedriger ist das Risiko eines nervalen Dauerschadens.

Meistgelesene Beiträge

Juckreiz beim Hund

Jeder Hundebesitzer kennt es: der Hund kratzt sich dann und wann mal. Wenn man aber bemerkt, dass das Kratzen über ein normales Maß hinaus geht und der Hund sich zudem auch vermehrt leckt und putzt, sollte man dem Juckreiz dringend auf die Spur gehen. Juckreiz kann das Wohlbefinden des Hundes enorm einschränken und die Lebensqualität herabsetzen. Teilweise ist der Juckreiz so schlimm, dass sowohl Hund als auch Herrchen nicht mehr schlafen können.

Erkältung beim Hund

Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Vor einer Erkältung, vorzugsweise im Herbst oder Winter, ist selbst ein Hund nicht gefeit. Wie beim Mensch auch, kann vor allem zu diesen Jahreszeiten bei nasskaltem Wetter eine Erkältung beim Hund auftreten. Sogar die Symptome ähneln sich bei Hund und Mensch.

Leishmaniose beim Hund

Die Leishmaniose ist eine durch Sandmücken übertragene Infektionskrankheit, die bei Hunden häufig tödlich verläuft. Erfahren Sie, wie Sie Ihren Vierbeiner schützen und wie Sie die Krankheit im Falle eines Ausbruchs erkennen und behandeln können.