19. September 2019 - Aktualisiert 20. September 2019

Blindenhund

golden retriever blindenhund

Egal ob Ampeln, Treppen oder Türen – ein „Blindenhund“ führt seinen blinden oder stark sehbehinderten Menschen sicher durch den Alltag. So ermöglichen die Vierbeiner vielen Blinden ein eigenständigeres Leben. Dahinter steckt ein hartes Training. Lesen Sie hier, was Blindenführhunde können und wie das Training aussieht.

Schon im Mittelalter eine Stütze

Dass Hunde seit jeher eine Hilfe für blinde Menschen sein können, sehen wir an einem alten Zeitzeugnis: Eine Vorschrift aus Straßburg aus dem 15. Jahrhundert sieht vor, dass Bettler keine Hunde halten durften – es sei denn, sie waren blind und darum auf den Vierbeiner angewiesen. Erste Versuche, Hunde zum Helfer für Blinde auszubilden, fanden in Europa im Paris des 18. Jahrhunderts statt. Eine professionelle Ausbildung zum Blindenhund hat sich um 1900 etabliert. Seither hat sich viel getan – Blindenführhunde gehören in vielen Stadtbildern zum Alltag. Wie die übrigen Assistenzhunde dürfen sie ihren Menschen in den meisten westlichen Ländern auch an zahlreiche Orte begleiten, an denen sonst Hundeverbot herrscht. Beispielsweise in Lebensmittelgeschäfte oder Arztpraxen.

Welche Hunde können Blindenhund werden?

Angehende Blindenführhunde dürfen keine Spur von Aggression zeigen und müssen rundherum wesensfest sein. Schließlich sollen sie später trotz hektischem Stadt-Alltag den Überblick behalten. Bereits im Welpenalter finden erste Wesenstests statt. Auch Gesundheitstests sind wichtig, damit der Vierbeiner lange an der Seite seines Menschen bleiben kann. Darum ist die Abstammung aus seriösen Zuchten von Vorteil. In diesen haben bereits die Elterntiere zahlreiche Gesundheitstest bestanden. So erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf einen gesunden Vierbeiner.

Zu den bekanntesten Blindenführhunden gehört der Labrador Retriever. Er bringt viele gute Eigenschaften mit. Zudem haben sich einige Züchter der Rasse auf die Zucht von Blindenführhunden spezialisiert. Kooperieren Hundeausbildungsstätten mit Züchtern, mit denen sie positive Erfahrungen gemacht haben, bleiben sie gerne dabei. Grundsätzlich eignen sich aber viele weitere Rassen für die Ausbildung. Die Hunde sollten allerdings eine Schulterhöhe von 50 bis 65 cm aufweisen, um gut ins Führergespann zu passen. Schäferhunde, Labrador Retriever, Königspudel oder Mischlinge eignen sich also nach entsprechendem Wesenstest ebenfalls.

Die Ausbildung zum Führhund

Besteht der Welpe die frühen Wesenstests, geht es für ihn meist in eine Patenfamilie, wo er eine ausgiebige Sozialisierung und erstes Training genießt. Zugfahren, Begegnungen mit anderen Hunden und Kindergeschrei – der Vierbeiner lernt in dieser Zeit, all dies gelassen zu meistern. Zeigt er Jagdtrieb oder Ängstlichkeit, endet die Ausbildung bereits hier. Schließlich kann später das Leben des Menschen in Gefahr geraten, wenn der Hund sich zu leicht ablenken lässt. Nach einem Jahr geht der Hund für rund sechs Monate zu einem professionellen Hundetrainer, der intensiv mit ihm trainiert. Hier absolviert er unter anderem die Begleithundeprüfung. Im Anschluss daran startet das Training mit dem künftigen Halter. Dabei ist wichtig, dass Hund und Mensch gut zueinander passen – hierfür durchlaufen die künftigen Hundehalter oft ein spezielles Auswahlverfahren. Das Mensch-Tier-Duo lernt sich anschließend kennen und übt gemeinsam für einige Wochen. Mit rund 18 Monaten kann der ausgebildete Hund bei seinem neuen Menschen einziehen. Doch das gemeinsame Lernen endet damit nicht. Ein Blindenführhund braucht lebenslanges Training, was bedeutet, dass sein Mensch viel mit ihm üben und wiederholen muss.

Das kann ein Blindenführhund

Was die Helfer auf vier Pfoten können, hängt von ihrer individuellen Ausbildung ab. Unverzichtbar für den Vierbeiner ist die Fähigkeit, seinen Menschen sicher führen zu können. Dazu gehört weitaus mehr als nur vorauszulaufen. Der Blindenhund erkennt Hindernisse für seinen Menschen und weist ihn darauf hin oder umgeht sie. So bleibt er beispielsweise vor Treppen oder Türen stehen und sucht sich seinen Weg vorbei an Straßenschildern und Bänken. Er weist seinen Menschen auf Stufen oder große Pfützen hin und lenkt ihn an Hindernissen wie auf dem Bürgersteig stehenden Tretrollern vorbei. Auch Hindernisse, die nicht in Bodennähe sind, erkennt der Vierbeiner. Hierzu zählen beispielsweise Schranken, die der Hund allein problemlos passieren könnte. Vor Hindernissen bleibt der Hund auch dann stehen, wenn der Mensch ihm befiehlt, weiterzugehen. Diesen intelligenten Ungehorsam lernen Blindenführhunde, um ihren Halter vor Gefahren zu schützen. Dennoch: Die Verantwortung liegt immer beim Menschen. Er bestimmt den Weg und weist den Vierbeiner entsprechend an.

blindenführhund

Mensch und Tier bilden zusammen ein Gespann. Der Mensch hält über den stabilen Führbügel Kontakt zum Hund. So erkennt er frühzeitig Änderungen der Richtung und merkt sofort, wenn der Vierbeiner stehenbleibt. Die Hunde reagieren auf Sprachbefehle wie „such Ampel“, „nach Hause“ oder „zum Geschäft“. Die entsprechenden Ziele und Befehle sind vorher mit dem Trainer einzuüben. Ein Blindenführhund beherrscht meist über 70 Befehle. Allerdings ist es wichtig, diese regelmäßig zu trainieren. Denn nach zwei Jahren hat der Vierbeiner den Weg „zum Arzt“ vermutlich vergessen.

Hier einige Beispiele für Befehle, die die meisten Blindenführhunde neben „Sitz“, „Platz“ und Co. mit einem passenden Kommando ausführen können:

  • langsamer und schneller laufen
  • am rechten oder linken Straßenrand gehen
  • Sitzmöglichkeit anzeigen
  • Türen anzeigen
  • eine Ampel suchen – wann diese „grün“ anzeigt, kann er jedoch nicht erkennen
  • Briefkasten oder Bushaltestelle anzeigen

Kosten und Voraussetzungen für einen Blindenführhund

Ein professionell ausgebildeter Blindenführhund kostet locker soviel wie ein neuer Kleinwagen und ist ab 20.000 Euro aufwärts zu haben. Die gute Nachricht ist, dass in vielen europäischen Ländern, darunter Deutschland und Österreich, die Krankenkassen sich an den Kosten für den Vierbeiner beteiligen. Manchmal übernehmen sie sie sogar komplett. Denn wie ein Rollstuhl wird auch der ausgebildete Vierbeiner als „Hilfsmittel“ eingestuft. In Deutschland beispielsweise bezahlen Krankenkassen einen Blindenführhund, wenn die Sehschärfe des Versicherten unter fünf Prozent liegt.

Allerdings ist ein Blindenhund nicht für jeden blinden Hundefreund geeignet. Das gemeinsame Training erfordert viel Zeit, das Führen Lernbereitschaft und Konsequenz seitens des Zweibeiners. Der Blindenhundehalter sollte seinem Vierbeiner soziale Kontakte zu anderen Hunden ermöglichen können. Trägt der Hund kein Geschirr, kann er auch Unsinn im Kopf haben und versuchen, Essen vom Tisch zu stibitzen. Nicht jeder Sehbeeinträchtige kommt damit zurecht. Vor allem Hundeanfänger, die allein leben, könnten vor einigen ungeahnten Herausforderungen stehen. Außerdem erfordert das Halten eines Hundes eine gewisse Fitness und Mobilität als Grundvoraussetzung.

Arbeit und Spaß trennen

Ein Blindenhund ist einfach bewundernswert – und tierisch gut erzogen! Wenn Sie einen solchen Vierbeiner entdecken, streicheln Sie ihn nicht, ohne vorher seinen Besitzer um Erlaubnis zu fragen. Denn wenn die Hunde das Führgeschirr tragen, sind sie im Dienst. Dann sollen sie sich nicht von Menschen oder Tieren ablenken lassen und sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrieren. Da dies für die Vierbeiner harte Arbeit ist, ist es sehr wichtig, Blindenführhunden viel Ausgleich zu ermöglichen. Das Toben mit anderen Hunden oder unbeschwerte Spiele genießen die Helfer genauso wie jeder Artgenosse. Blindenführhunde sollten nur eine begrenzte Zeit des Tages das Führgeschirr tragen, um zwischendurch entspannen zu können.

Sie suchen einen Blindenführhund?

Wer aufgrund einer Sehbehinderung einen Blindenführhund sucht, wendet sich an Blindenführhundeschulen. Bei Fragen rund um das Beantragen oder das Leben mit Blindenführhund helfen außerdem Blindenverbände und Krankenkassen weiter.

Auch manche Personen ohne Sehbehinderung haben Interesse an den perfekt ausgebildeten Tieren. Nur mit viel Glück ist es ihnen möglich, einen solchen zu finden. Manche jungen Tiere bestehen die Ausbildung zum Blindenführhund nicht und suchen darum ein neues Zuhause. Für den durchschnittlichen Hundehalter ist dies jedoch kein Manko, denn in der Regel sind die Hunde top erzogen. Lediglich die hochkomplexen Aufgaben eines Blindenführers können sie nicht zuverlässig übernehmen. Selten suchen auch Blindenhunde, die aus Altersgründen aus dem „Dienst“ ausscheiden, ein neues Zuhause. Denn ab einem Alter von acht Jahren reagieren manche Tiere gestresst oder erschöpft auf die Anforderungen des Arbeitsalltags. Die meisten von ihnen finden jedoch bei ihrem Halter oder in dessen engem Umfeld einen Altersruhesitz. Sollte dies nicht möglich sein, helfen Vereine für Blindenhunde bei der Vermittlung. Da diese Vierbeiner jedoch sehr beliebt sind, kann die Suche nach einem solchen Pensionär mit langen Wartezeiten verbunden sein.

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